Die Bäume neben dem Haus

Ich war gestern in 20.000 Days on Earth, dem Film mit und über Nick Cave. Unter anderem erzählte er von seiner frühesten Kindheitserinnerung, was mich dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, was meine früheste Kindheitserinnerung ist.

Ich glaube, es ist die eines Urlaubs in Belgien bei meinen Großeltern. Damals, als sie noch in ihrem kleinen weißen Häuschen in Lochristi gewohnt haben. Ich sehe das Haus quasi vor mir. Es war recht klein, die Einfahrt war mit Kieselsteinen ausgelegt. Rechts von ihr ein Rasen, vorne und direkt neben der Einfahrt ein Blumenbeet. An die Blumen erinnere ich mich nicht, es könnten Rosen gewesen sein. Rechs neben dem Haus ein weiteres Beet mit Nadelbäumen, im Garten mehr Bäume, Rasen und am Ende grenzte er an eine Kuhwiese. Morgens durfte ich nach dem Frühstück immer die Kühe mit den Käserinden füttern. Geschlafen haben meine Eltern und ich im Zelt. Es wurde häufig gegrillt. Weil ich kein Flämisch spreche, konnte ich meinen Cousin und meine Cousine nicht verstehen, wie Kinder aber so sind, spielten wir trotzdem miteinander und verstanden uns irgendwie auf diese kindliche Art und Weise, die keine Worte benötigt.
Ich erinnere mich, dass ich mich häufig in den Bäumen rechts neben dem Haus versteckt habe. Entweder um zu lesen oder einfach um mich in eine andere Welt zu träumen. Ich war schon immer der Eskapismus-Typ. Gib mir ein gutes Buch und ich bin völlig in seiner Welt gefangen. Gib mir ein paar Denkanstöße und ich bastel eine neue Welt daraus. Gib mir Kritik und ich steiger mich hinein.
In letzter Zeit habe ich mich viel in Kritik hineingesteigert. Generell habe ich mich sehr viel in meine Gedanken hineingesteigert. Ich bin so. Ich steiger mich seit jeher in meine Gedanken hinein. Oft entwickeln sie einen Strudel, der mich gefangen nimmt. Immer tiefer, immer tiefer in die Gedanken. Ob gut oder schlecht, immer tiefer nehmen sie mich gefangen. Ob es nun das irgendwanige Auswandern nach Island ist oder der Gedanke, dass da draußen so viele bessere Mädchen sind als ich. In einem Moment spielen meine imaginären Kinder (allesamt sehr goldig) mit einem Hund in einer grünen Weite, im nächsten rechtfertige ich mich, dass ich keine großen Brüste habe, keinen Small-Talk beherrsche und generell recht düster bin. Schon als Kind habe ich mich in den Bäumen meiner Großeltern zurückgezogen, die echte Welt hinter mir gelassen und mir irgendwelche schönen Zukunftsszenarien ausgemalt. Heute sind fast all meine Zukunftsszenarien düster. All meine Szenarien enden irgendwann darin, dass ich nicht gut genug, nicht fröhlich genug, nicht small-talkig genug, nicht interessant genug bin. Und am Ende sitze ich allein da. Hey, what a party! Jeder Therapeut hätte wohl seinen hellsten Spaß an all meinen Selbstzweifeln, verkorksten Gedankenwegen und Verlustängsten. Überhaupt: Verlust. Verlust ist wohl meine größte Angst. Hauptsächlich wohl, Personen zu verlieren, die mir wichtig sind. Aber auch einfach Dinge, die mir wenig bedeuten, zum Beispiel der Döner, der mir mal Nachts herunter fiel und mich in eine tiefe Krise geritten hat. Nunja, wie gesagt: Verkorkst.

Eine meiner anderen frühesten Erinnerungen ist übrigens die, als mein Papa mich im Belgien-Urlaub nachts geweckt hat und ins Wohnzimmer meiner Oma geschafft hat weil ein Gewitter wütete, das für mich damals Weltuntergangswirkung hatte. Es war wunderschön.

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