Rollenrutsche.

Es muss mein siebter oder achter Kindergeburtstag gewesen sein. Einer der ersten Kindergeburtstage, die ich mir nicht mit dem rotschöpfigen Nachbarsjungen Robin teilen musste, sondern die Party ganz für mich hatte. Robin war immer ein Jahr älter weil er im Juli geboren war und ich im Dezember. Eigentlich war er nur ein halbes Jahr älter, aber was zählt das schon auf einem Kindergeburtstag? Immerhin war er nach dem Stichtag für die Einschulung geboren und musste seine Tage daher mit den jungen Leuten wie mir absitzen.
Bis zu diesem Kindergeburtstag gab es nur einen Wintergeburtstag für mich allein, eine Kostümparty irgendwann Anfang Januar im zarten Alter von frühem Kindergarten. Als elterlicher Kindergeburtstagsorganisation muss es ziemlich scheiße sein wenn das Balg an Heiligabend geboren wird. Gut an diesem Tag ist jedoch: Man muss sich nur einmal im Jahr Gedanken um Geschenke machen. Auf jeden Fall ist meine einzige Erinnerung an diesen Geburtstag, dass die Gäste, verschiedene Kinder aus Nachbarschaft und Familie den Luftballontanz zu Lambada tanzten. Lambada war damals wohl ein ziemlicher Hit und ich hasse ihn seit diesem Tage.
Mein erster Sommergeburtstag war geprägt von der Rollenrutsche, die meine Eltern wie durch Zauberhand in unserem riesigen Garten haben aufstellen lassen. Rollenrutschen fand ich im Kindergarten schon immer ziemlich cool. Einfach mal im Colakasten den Geschwindigkeitsrausch genießen bis man dann am Ende der Rutsche runterknallt und dadurch eine formschöne Vollbremsung vollführt. Das war so ziemlich das coolste Geschwindigkeitsdingen bis ich dann in der Fahrschule mit 70 Sachen im Industriegebiet auf das EINS, ZWEI, JETZT MÄUSCHEN! meines Fahrlehrers Klaus die Gefahrenbremsung üben durfte.
Die Rollenrutsche brachte an diesem Morgen mein ganzes Gesicht zum Strahlen. Eine Rollenrutsche! Nur für mich! Mega!
Der Freundschaft wegen holte ich direkt die rotschöpfigen Nachbarjungs rüber, um das geniale Dingen zu testen. Den ganzen Vormittag wurden Colakästen vom Ende der Rollenrutsche zum Anfang geschleppt um wieder und wieder runterzurutschen. Meinetwegen hätte es so weitergehen können, allerdings standen irgendwann am Nachmittag, wahrscheinlich um 15:00 Uhr, die anderen Gäste vor der Tür, Mitschüler aus der Grundschule und andere Nachbarskinder, die natürlich direkt freudig auf meine Rollenrutsche stürmten und das Dingen für sich einnahmen. Theoretisch hätte ich diese Situation kennen sollen wo doch in den Jahren vorher eine Hüpfburg und ein Besuch auf dem Ponyhof aufgefahren wurden, wo natürlich jedes Kind eines der beiden gemieteten Ponies lange für sich hatte, außer mir weil ich ja wöchentlich die Reitschule besuchte. Theoretisch hätten Robin, Nils und ich die Rollenrutsche mit allen Mitteln einnehmen und vor den blöden Kühen aus der Grundschule verteidigen müssen. Robin und Nils die elenden Socializer fügten sich natürlich ihrem Schicksal und teilten sich die Rollenrutsche mit den Anderen. Es wurde gelacht, es wurde gerutscht, es wurde am Ende runtergeknallt und mein Papa schleppte treu die Getränkekisten wieder nach oben. Alle hatten Spaß, ich lag auf der aufblasbaren Gummi-Insel im Pool und hatte keinen Bock mehr auf meine eigene Party.
Wenn ich eins schon immer konnte, dann war es beleidigt sein und daraus ein riesiges Drama machen. Etwas läuft nicht nach meiner Nase? Gleich mal ne Schnute ziehen. Es läuft immer noch nicht? Schnute ziehen und patzig sein. Immer noch nicht? Die letzte Lösung war immer, zu heulen. Eltern können es nämlich nicht mit ansehen wenn ihr Kind heult weil es etwas scheiße findet und dann bekommt man ganz schnell Aufmerksamkeit und Süßigkeiten. Oder eben seine Rollenrutsche.

Schnute. Etwa 1990.

Schnute. Etwa 1990.

Pawlow sei Dank, hat sich dieses Verhalten in meiner Psyche so verankert, dass ich seit meiner Kindheit den Schlechte-Laune-Joker ausspiele, sobald mir etwas gegen den Strich geht. Grumpy Cat ist dabei ein Scheiß gegen mich und meine Schnute!
Blöderweise wird man irgendwann älter und die Schnute zieht nicht mehr. Man bekommt keine Süßigkeiten mehr, sondern wird angemotzt, dass man sich mal zusammen reißen soll. Glücklicherweise erkennt man mit dem Älterwerden jedoch auch die Situationen, die das Öl ins Feuer gießen und die Mundwinkel nach unten ziehen und man lernt aus ihnen. Seit Jahren habe ich keinen großen Geburtstag mehr gefeiert und seit Jahren meide ich Volksfeste. Manche Situationen kann ich nicht vermeiden, Veranstaltungen, die ich zuliebe anderer Personen besuche. Und Beerdigungen, aber hier braucht man sich seiner miesen Laune immerhin nicht zu schämen und das ist der Unterschied zu fröhlichen Festen.
Grundsätzlich bin ich kein Socializer wie die rotschöpfigen Nachbarsjungs. Ich interessiere mich am Meisten für mich selbst und die, die mir wichtig sind und das sind wenns hoch kommt, vielleicht zwei Handvoll. Ich stelle grundsätzlich keine Fragen weil ich lange Erzählungen über Dinge, die mich langweilen oder Events, die mich nicht interessieren für Zeitverschwendung halte. Meistens sind die ja sowieso auf einer völlig anderen Welle als man selbst und sollte einer von ihnen mal lange über irgendetwas sprechen und es besteht keine Fluchtmöglichkeit, kann man ja immer noch im Kopf ein, zwei Runden Bohemian Rhapsody singen. Mittlerweile kann ich Socializer-Fragen und wirklich interessierte Fragen auf Anhieb trennen. Ein liebloses „Und? Was gibt’s Neues?“ um eine Konversation aufrecht zu erhalten tötet mich innerlich. Minimal-Antworten, die den Fragenden befriedigen und ihn nicht in die Bedrängnis bringen, sich einen langen Monolog anhören zu müssen, das ist meine Spezialität. Hauptsächlich habe ich dies bei Personen festgestellt, die man sich nicht selbst ausgesucht hat, mit denen man irgendwie in einer Situation gefangen ist und man rein gar nichts miteinander anfangen kann. So zum Beispiel auf diversen Geburtstagen von Freunden, wo andere Personen sind, mit denen man weder die gleichen Ansichten, noch den gleichen Humor teilt. Man dümpelt also in einer toten Konversation herum und hofft, dass der Abend schnell rum ist oder sich jemand anderes neben einen setzt, wenn ich mal kurz aufs Klo gehe. Auf vielen dieser Abende schaffe ich es, mit unter 20 gewechselten Worten wieder heim zu gehen. Ich mag das nicht. Ich hätte es lieber, mein im Kopf gesungenes Bohemian Rhapsody in richtige Geschichten zu verpacken und herauszuschmettern, oftmals sind Freddy und ich jedoch in meinem Kopf gefangen und singen uns um Kopf und Kragen. In diesen Situationen hasse ich mich selbst sehr, was mich noch mieser gelaunt macht. Miese Laune, Selbstvorwürfe, mehr miese Laune, mehr Selbstvorwürfe – mein persönlicher Teufelskreis, den ich oft erst durchbrechen kann, wenn ich Heim gehe. Dies natürlich unter dem Deckmantel, man wolle keinem die Stimmung kaputt machen, obwohl man sich nur zuhause hinsetzen und eine Runde heulen möchte weil man es mal wieder, völlig überfordert von der Situation, mit sich selbst so eskalieren lassen hat.

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