Roboter.

Momentan, so scheint es mir, haust in meinem Kopf ein kleiner Roboter. Ein kleiner Roboter, gefangen in einem Hamsterrad, durch das er so eifrig läuft, dass sich seine Roboterfüße immer wieder überschlagen und er um es aufzufangen immer schneller rennen muss. Rennen, rennen, rennen, immer weiter, immer schneller, immer im Rädchen.
Mir scheint, als würde dieser Roboter seit ewigen Zeiten rennen. Tatsächlich tut er es erst seit gut anderthalb Monaten. Seit Anfang Juni um genau zu sein. Vielleicht kommt es mir so vor, als renne er schon ewig weil er direkt mit vollem Tempo einsteigen musste. Kurz die klapprigen Gelenke einölen und auf geht’s: rennen, rennen, rennen. Am Montag Anfang Juni kam der Anruf: Sabrina, kommst du am Wochenende heim? Gut. Das ist gut. Wir wissen nicht, wie lange noch.
Mittwoch dann der Nächste: Sabrina, kannst du früher von der Arbeit weg? Wir warten drauf und du solltest heute schon heim kommen.
Freitag früh um halb fünf, kurz vor der Heimfahrt dann die Nachricht, seitdem rennt der kleine Roboter. Bloß nicht stehen bleiben, nicht dass die Knie wieder rosten. Nicht denken, einfach laufen. Keine Rücksicht auf Nichts nehmen und weiter machen. Immer geradeaus.

Seit Anfang Juni ist mein kleiner Roboter viele Kilometer gelaufen, er hat viele Stationen passiert und es kommt mir vor, als seien die letzten 48 Tage mindestens drei Mal so lang gewesen. Der Tod meiner Tante, Familienmitglieder, die ich zuvor nie gekannt habe, die Hochzeit seines besten Freundes, unzählige Stunden kurz vor Ladenschluss im schwedischen Möbelhaus, der Umzug und täglich mindestens 8 Stunden Arbeiten, die vielen Freizeitdinge, Freunde, alles lief weiter und mein Roboter lief mit. Unermüdlich.
Häufig schaute man mich mitleidig an, konnte nicht glauben, dass ich so gut zurecht komme, wie es den Anschein macht. Meine Antwort war jedes Mal, ich hätte noch nicht realisiert, was da alles passiert ist. Ich habe es auch heute noch nicht realisiert. Zu viel kam in den letzten anderthalb Monaten zusammen, ich hatte Ablenkung, ich hatte keine Zeit. Keine Zeit mich mal ein paar Stunden hinzusetzen und zu heulen, bis mir die Augen anschwellen. Keine Zeit, mir Gedanken zu machen, was genau da alles passiert ist, was genau ich alles gesehen habe, was das nun bedeutet. Mein Rad drehte sich weiter, der Roboter lief. Irgendwann wird er über seine Füße stolpern und sich nicht auffangen, er wird hinfallen und die ein oder andere Delle abbekommen.
An diesem Tag wird er sich setzen und über die gelaufene Strecke nachdenken.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Roboter.

  1. ddirkinho

    Ich verstehe was du schreibst und wünsche dir Zeit zum Nachdenken bevor der Roboter fällt.. Pass auf dich auf!

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