Mein Smartphone ist wichtiger als du!

altes Nokia Handy

Kein Smartphone.

Man unterhält sich mit jemandem, das Handy fängt plötzlich lautstark an, den neuesten Hit von Pitbull rauszukrakeelen, die Hand wandert in die Tasche, bestenfalls jedoch an die Stelle, wo das Handy gerade auf dem Tisch liegt und dann kommt: „Ich hab ne Whatsapp / Veranstaltungseinladung / Kommentare / Mail / Mention / ….. und MUSS das jetzt beantworten!“.
Ich denke, so ziemlich jeder hat diese Situation bereits aktiv oder passiv miterlebt.

Bei mir passierte das, als das Smartphone neu war und man plötzlich die Informationsüberflutung, die einem vorher für den heimischen Computer reserviert war, 24/7 verfügbar hatte: Plötzlich war die Welt in unseren Taschen, man konnte vom Café aus schauen, welche vermeintlich witzigen Bilder von „Lustige Sprüche und Fotos“ die Grundschulfreunde auf Facebook teilen und mit einem frechen „xD“ versehen, was die Timeline gerade ins Internet pustet, das Essen der Instagram-Followings beneiden oder eklig finden, auf Foursquare gucken, ob wer in der Nähe ist und trotzdem nicht vorbei gehen, …
Als großer Fan vom Internet, finde ich das natürlich ganz grandios!
Katzen-Gifs immer und überall! Meine Freunde nur eine Bildschirm-Entsperrung entfernt! Nie wieder verlaufen dank Maps! Und all die tollen anderen Dinge! Traumhaft!

Gestern habe ich mich mit meinen Eltern über das Internet unterhalten (sie wollten ja unbedingt wissen, wie es in Berlin war…). Die beiden kommen nicht aus der Online-Generation und können dem Ganzen nicht die Bedeutung zumessen wie wir das tun.
Natürlich sind meine Eltern (geboren ’63 und ’64) nicht komplett offline. Sie wissen, wie man Online-Banking macht, können sich in meinen Amazon-Account einloggen und die Lieferadresse in ihre ändern. Sie haben Gmail-Adressen, buchen ihren Urlaub online und Papa ist sogar bei Facebook. Wir skypen regelmäßig und in genau diesem Rahmen finden meine Eltern das Internet ziemlich cool.
Unverständlich für sie ist jedoch, dass unsere Generation „ständig das Dingen da in der Hand haben muss“.
Recht haben sie. Wir müssen immer erreichbar sein, wir erwarten voneinander, dass Nachrichten direkt beantwortet werden, egal über welchen Kanal sie kommen. Wir können rund um die Uhr unser selbst zusammengestelltes Entertainment aus der Tasche ziehen und finden es toll.
Was ich jedoch nicht toll finde ist, dass viele von uns den Zeitpunkt, diese Kanäle zu bearbeiten, falsch wählen. Viele von uns halten plötzlich mitten im Gespräch ihr Smartphone in der Hand und batschen drauf rum. Wenn ich mit einer Person spreche, bleibt mein Handy in der Tasche, da kann es vibrieren wie es möchte, da kann am anderen Ende jemand einen Tobsuchtanfall bekommen weil ich seine Nachricht nicht innerhalb von 10 Sekunden beantworte: Wenn ich mit einer Person spreche, spielt das Internet die zweite Geige oder sogar nur die Triangel. Und anders herum erwarte ich es genau so: Ich möchte das Geigensolo sein!

Es ist für mich seit jeher kein Problem, mich im sogenannten one-to-one Kontakt mit anderen Dingen zu beschäftigen. Damals war es Snake, heute ist es Twitter. Ich würde sogar frech behaupten, Timeline lesen und Zuhören geht gleichzeitig. Ich tue es trotzdem nicht. Für mich ist es eine Frage der Höflichkeit, ob ich einer Person meine volle Aufmerksamkeit schenke oder nicht. Und wenn jemand vor mir steht, verschenke ich meine Aufmerksamkeit mit offenen Händen. Mein Internet kann warten. Keine Facebook-Nachricht ist so wichtig wie das persönliche Gespräch, kein Tweet so lustig wie die Anekdote, die mein Gegenüber zum Besten gibt (manchmal schon aber das darf man ja nicht sagen..).

Leider sehen andere Leute das anders…
Erst gestern wurde ich von der neuen Mieterin meiner Eltern gefragt, wie es mir ginge. Noch bevor ich antworten konnte hatte sie ihr plärrendes iPhone in der Hand und batschte munter auf dem Display rum.
Bitte frag doch einfach nicht wenn es dich nicht interessiert oder das, was in deinem Mikrokosmos passiert wichtiger ist. Bitte sprich mich gar nicht erst an wenn du in der nächsten Sekunde dein Handy in der Hand hast.
Bitte überleg dir einfach mal, ob der Fleisch-und-Blut Mensch vor dir oder der 300km entfernte Grundschulfreund die erste Geige spielt. Und ob du lieber Geige oder Triangel sein möchtest. Diese Frage sollte sich übrigens jeder stellen, den es beim Vibrieren in der Jackentasche in den Fingern juckt.

Was ist mit uns passiert, dass solche Verhaltensweisen an der Tagesordnung sind und toleriert werden? Warum wird man schief angeguckt wenn man auf die Frage „Willst du nicht antworten?“ mit „Nein, ich sitz doch jetzt hier mit dir.“ antwortet? Irgendetwas läuft da doch gewaltig falsch in dem, wie wir unsere Kommunikations-Prioritäten setzen…
In Berlin bei diesem „Internet-Dingens“ ist mir übrigens aufgefallen, dass diejenigen, die im Internet zu leben scheinen gar nicht das Bedürfnis haben, in Gesprächen ständig das Smartphone in der Hand zu halten, sogenannte Offline-Menschen jedoch schon… Sollte das nicht anders herum sein? Sollten nicht wir nebeneinander stehen und uns per Whatsapp unterhalten während die Anderen sich mit dem Festnetz-Telefon anrufen?

Und jetzt könnte ich mich noch ewig in Rage tippen und dabei eine zweite Packung Beruhigungs-Toffifee mampfen und würde trotzdem nicht zum Ende kommen und deshalb ist jetzt hier Schluss.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dieses Internet!, Motz! Motz! Motz!

Eine Antwort zu “Mein Smartphone ist wichtiger als du!

  1. jke

    Ha, das erinnert mich an unsere Stehparty auf der Hinfahrt – die mobilen Endgeräte (trotz schlechtem Empfang) ständig in der Hand.

    Die von Dir beschriebene Entwicklung zur Aufmerksamkeit und der Priorität des Second Sreens (first screen?): Wenn die Leute jetzt damit aufwachsen und es sich so einbürgern wird wie bisher schon, wie wird das dann erst in 5-10 Jahren sein?

    Manchmal würde ich das gerne alles auf den MTV-Schnitt seinerzeit schieben wollen (schnelle Schnittfolgen bei den Videos), was diesen Boom damals irgendwie ausgelöst hat.

    Auf jeden Fall wäre das auch mal ein schönes Thema für einen talk.

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