Die Stadt.

Es ist der 17. Januar 2010, es geht los. Mein Auslandssemester startet. Eher meine Auslandszeit weil es nach dem Semester in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent geht. Meine Eltern fahren mich zum Flughafen. Wir sind gut in der Zeit, es schneit höllisch, mein Flugzeug wird zwanzig Minuten Verspätung haben, die meine Umsteigezeit auf einem anderen Flughafen killen werden.
Flughafen Frankfurt, Check-In. Viereinhalb Monate New York City.
Vergewisserung, ob wirklich alles dabei ist, Abschiedstränen, Sicherheitsbereich. Erst einmal durchatmen. Boarding, der Mann neben mir gibt mir den Tipp, ein Glas Wein zu trinken, zur Not auch zwei, danach schlafe man besser. Es funktioniert.
Zwischenstopp in Montreal, Kanada. Die zwanzig Minuten Verspätung rächen sich, ich verpasse den Anschlussflug, bin auf mich allein gestellt in diesem fremden Land mit dieser Sprache, in der ich perfekt Gedichte und Kurzgeschichten analysieren kann aber nicht weiß, wie man im 1:1 Kontakt kommuniziert.
Drei Stunden später, sitze ich endlich im Flugzeug in die Großstadt, die Stadt, die immer glitzert, nie schläft, die Stadt mit dem wunderbaren Lifestyle wie er in Sex and the City vorgelebt wird, die Stadt, in der immer alles toll ist. Die Stadt, die mich zu dem machen wird, wer ich heute bin.
Es ist der letzte Flug, der an diesem Tag in La Guardia landen wird, ich bin müde, nehme ein Taxi nach Manhattan. Erste Hürde, die Adresse meines Hostels ist 850 West End Ave. „What blocks?“ blökt der pakistanische Taxifahrer, den ich wegen seinem Dialekt noch weniger verstehe als die Damen am Montraler Flughafen. „I don’t know!“ antworte ich, genervt fährt er los. Wir werden es schon finden.
Mein Zimmer ist ein Loch. Ein Loch mit Toilette aber ohne Waschbecken. Ein Loch mit Fenster und Ausblick auf eine Wand. Egal, ich bin angekommen, will nur noch schlafen, was auch wunderbar funktioniert für etwa…. zwei, drei Stunden. Der Jetlag kickt ein, ich werde um drei Uhr morgens wach, eine Woche lang. Gut, so kann ich wenigstens früh raus und die Stadt sehen.
Anfängerfehler Nummer Zwei: Man kann nicht ganz New York in drei Tagen ablaufen. Besonders nicht ablaufen. Aber man kann es probieren. So wie ich. Den vierten Tag verbrachte ich im Bett, die Beine zum Aufstehen zu schwach.

Wenn man New York erlebt, merkt man schnell, dass es nicht die schöne Glitzerwelt aus Sex and the City ist. Dass nicht jede Frau 24/7 gut gekleidet ist und Blahniks trägt. Ich habe in Harlem gewohnt. In genau dem Harlem, wo noch vor einigen Jahren Gangs um ihre Straßenblöcke kämpften. Ich habe in der Bronx studiert. In meinem ersten Monat in den USA wurden in der Bronx 12 Menschen erschossen. Ich habe New York ohne jegliches Budget kennengelernt, die Miete für meine großzügig geschnittene Abstellkammer fraß fast das gesamte Geld, das mir meine Eltern pro Monat zur Verfügung stellten. Ich habe New York lieben gelernt, großartige Freunde gefunden und eine Reihe voller Restaurants, Bars und Orten gefunden, die Urlaubern normalerweise verschlossen bleiben.

Ende Februar 2011. Es geht wieder rüber. Dieses Mal drei Wochen. Bei der Landung am JFK das wohlige Gefühl im Bauch, angekommen zu sein. Angekommen, wo man sich wohl fühlt. Wo man Freunde hat. Die Kleinstadt und ihre Menschen hatten mich bis zu diesem Zeitpunkt so genervt, dass es mir egal gewesen wäre, wohin die Reise geht aber es war nun mal New York. Ich lerne Maggie kennen. Maggie arbeitet in einer Fahrradwerkstatt und leiht mir für meinen Aufenthalt ein Rad. Obwohl ich New York bis dato schon gut kenne, eröffnen sich durch dieses Rad völlig neue Blickwinkel. Neue Blickwinkel dieser Stadt, die ich so liebe, neue Blickwinkel, die meine Liebe zu ihr noch vertiefen.

Kids Wonder Wheel, Coney Island, Brooklyn, New York

Coney Island, März 2011.

New York’s a city of extremes; it can chew you up and spit you out or it can transform you into a super version of yourself that seems to travel at lightning speed habe ich mal irgendwo gelesen und es stimmt. New York half mir zu erkennen, wie ich wirklich bin. New York ist einer der Orte, an denen ich bisher am glücklichsten war. Einer der Orte, an die ich mich immer gern zurück erinnere, mich an die Zeiten dort erinnere, an Kleinigkeiten, wie die besten Cookies der Stadt, das Bier aus der Nachbarstadt meiner Belgischen Oma, den Friskey Whiskey Tuesday und das anschließende Food-Shopping im Bio-Deli, die Mitbewohner der Freunde, die einen mit offenen Armen empfingen. Am Meisten jedoch an das Gefühl bei der Landung, das Gefühl, das einem sagt, man sei Zuhause.

Manhattan, Flat Iron Building, Triple Exposure

Manhattan, März 2011.

In zwei einhalb Wochen fliege ich wieder nach New York. Es wird anders als bisher, aber bei einer solchen Stadt kann man gar nicht erwarten, dass es nach zwei Jahren nicht anders wird. Ich fliege dieses Mal nicht allein und werde dem Mitflieger mein New York zeigen. Mein New York aus Underground Coffeeshops, dem Times Square zu den Uhrzeiten, an denen man sich nicht über ein vorbeirollendes Thumbleweed wundern würde. Mein New York abseits der Touristenorte (auch wenn ein paar davon auf dem Plan stehen), das New York der New Yorker (oder zeitweisen New Yorker). Ich werde zu jeder Straßenecke eine Anekdote erzählen können und häufig „Nein, da brauchen wir nicht hin!“ sagen – it either chews him up and spits him out or will transform him into a super version of himself, wir werden sehen…

I heart NY.

Manhattan, Lower East Side, Pedestrians

Lower East Side, März 2011.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s