Eure Freundschaft überfordert mich.

Ich bin gerne alleine. Sehr sehr gerne. Ich kann mich am Besten leiden und meine Gesellschaft geht mir nicht auf die Nerven. Und am Wichtigsten: Ich kann mir nicht selbst Nachrichten schreiben oder mich selbst anrufen. Ich kann mir kein uninteressantes Zeug erzählen weil ich es selbst erlebe und es mich da schon anödet. Ich kann mir nicht selbst das Herz ausschütten und alles dramatisieren weil ich dabei war und es nichts bringen würde, mich mir selbst gegenüber nochmal hineinzusteigern und alles schlimmer zu machen als es ist.

Jetzt ist es ja blöderweise so, dass Menschen ja grundsätzlich sowas wie sozial sind, dass sie sich in Gesellschaften zusammenrotten und zu Herdentieren mutieren. Dass sie gerne Zeit miteinander verbringen und sich von ihrem Tag, ihrem Seelenleben, dem süßen Typen aus der Bar und ihrer Katze erzählen. Und dass sie erwarten, dass man vor lauter Interesse daran platzt. Dass man diesen Geschichten mit offenem Mund lauscht, dass man Fragen stellt weil man noch tiefer in die Materie eintauchen möchte, dass man Anteilnahme zeigt, gute Ratschläge gibt und bestenfalls auch all seine eigene Gedankenkotze kund tut.
Menschen tun so etwas. Menschen treffen sich, reden, schreiben sich Briefe, sie tauschen sich aus, erzählen sich gegenseitig, wie süß der Typ hinter der Bar ist, sie erzählen von ihrer stressigen Arbeitswoche, dass sie Mittwochabend zum Essen aus waren und zu viel Fett am Fleisch war und dass die Rosmarinkartoffeln dafür echt lecker waren. Worthülsen, die ihren Echtes-Leben Klout-Score explodieren lassen. Und warum? Weil man es so tut. Weil man Leuten von seinem Leben erzählt.

Was nun aber wenn einer dieser kommunikativen Typen auf so eine komische Person wie mich treffen? Auf eine der Personen, die sich nur für sich interessiert und die auch nicht sonderlich scharf darauf ist, anderen Leuten irgendetwas mitzuteilen? Die von zu viel Information und zu viel Nähe überfordert ist?
Meiner Erfahrung nach machen die kommunikativen Typen unbeirrt weiter. Weil sie es nicht verstehen. Also werden zig Nachrichten geschrieben, zig mal angerufen, zig Verabredungen ausgemacht, in denen erzählt, erzählt, erzählt wird. Ich kann mir vorstellen, mit mir zu reden ist so, als würde man mit einem Wellensittich oder einem Hund sprechen. Da ist jemand, der vordergründig sowas wie zuhört und trotzdem verhallen die Worte irgendwo. Aber wahrscheinlich ist es genau das, was die kommunikativen Typen wollen: jemanden, dem es so egal ist, was sie erzählen, dass er sich nicht wehrt und deshalb als guter Zuhörer einen Freundschaftsplatz im Leben findet.

Ich habe genau vier Personen, bei denen mich das, was sie erzählen wirklich interessiert. Vier Personen, die ohne Grußformel und obligatorischem Smalltalk einfach loslegen dürfen, mich mit ihren Gedanken vollzukotzen. Auch wenn sie nur erzählen, dass sie eine total leckere Eisdiele in Berlin gefunden haben. Auch wenn sie dafür fünfzehn Nachrichten und einen Anruf benötigen. Es sind die vier Personen, über deren Namen ich mich auf dem Display freue. Es sind die vier Personen, die mich zu jeder Tag- und Nachtzeit zuschwafeln dürfen und für die ich Vibrationsalarm und manchmal sogar den Ton einschalte (mein Handy ist normalerweise im Gegen-jede-Kommunikation Modus und stumm wie ein Fisch). Und nur diesen Personen erzähle ich auch etwas von mir, ohne Smalltalk. Manchmal aber auch so etwas wie „ich habe den besten Brownie von allen gegessen!“.

Neben diesen vier Personen gibt es etwa eine Handvoll, die mich einfach überfordern. Eine Handvoll, bei deren Namen ich auf dem Display erstmal zu einem minutenlangen „grmpfghwääähorrrrr“ aushole. Bei denen ich genau weiß, was da kommt. Wegen denen ich Vibrationsalarm und Ton am Handy immer ausgeschaltet habe. Eine Handvoll, die ich irgendwann mal als nette Personen kennenlernte, als Kneipenbekanntschaft, die dann allerdings zu Freundschaft fordernden Monstern mutierten. Eine Handvoll, die sich aufdrängt, wo immer es nur geht. „Du gehst mit deinen Leuten essen? Cool! Meld dich wenn ihr noch feiern geht!“, „Du meldest dich nie bei mir :'(„, „You’re always replying so late, is anything wrong?“. Diese Handvoll sind der Extremfall. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut, aber dieser Menschenschlag möchte das Freundschaftsrom am Liebsten in einer Stunde aufbauen. Besser noch in einer Halben. Herzmenschin1 und ich bauen seit 2005 an unserem Rom. Ganz langsam, ein Stein nach dem Anderen. Mit langer Beschnüffelungsphase (2007 war ich das erste Mal in ihrer Wohnung), mit mehreren Jahren, in denen wir uns nur einmal sahen, mit mittlerweile einer Distanz von kanpp 600km zwischen uns. Unser Rom ist aufgebaut. Selbst Erdbeben und Wirbelstürme können ihm nichts.

Man kann Rom nicht in drei Tagen aufbauen, nicht einmal in sechs Monaten.
Eure Freundschaft überfordert mich.
Und das lässt mich die Stadtmauer noch vor allem anderen aufziehen. Mit einem Stadttor und euch davor.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Herself!

Eine Antwort zu “Eure Freundschaft überfordert mich.

  1. Daniel

    (mein Handy ist normalerweise im Gegen-jede-Kommunikation Modus und stumm wie ein Fisch) – Weltklasse! Vielen Dank für diesen Satz.

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