Jahresrückdings.

2012 ist tot, hoch lebe 2012.

Januar
Ich starte mein Jahr in Berlin. Ich hasse Berlin. Blöderweise wollte meine beste Freundin einen Tag vor Silvester hinziehen und ich hatte nichts Besseres zu tun als laut „Ich helfe dir!“ zu schreien. Neujahr endet im Berlin Linienbus, wo sich mein Sitznachbar in Bielefeld auf einen anderen Platz rettet.
Drei Tage später habe ich ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle, auf die ich mich nur wegen meiner an Weihnachten nervenden Mutter beworben habe. Diese Stelle soll meine vorläufige, nicht vorhandene Lebensplanung in sichere Bahnen lenken.

Februar
Ich trete meinen neuen Job an und ergründe von nun an die dreckigen Abgründe des Internets. Als skupelloses SEO-Mädchen soll ab jetzt kein mieser Fashion- oder Beautyblog vor mir sicher sein.
Ich verbringe viel zu viel Zeit an der Friedberger Bushaltestelle „Hauptbahnhof“ und beschließe Mitte des Monats, mit der WG-Suche in Frankfurt zu beginnen. Bitte nun mit dem Neid beginnen: 2 Besichtigungen bis zur Zusage. Die Zusage bekomme ich, als ich oben auf dem Maintower stehe und meine neue Heimat mir zu Füßen liegt.

März
Mein erstes richtiges, selbst-verdientes Gehalt in galaktischer Höhe von „so viel Taschengeld habe ich in meiner ganzen Kindheit nicht bekommen“ geht für den Umzugswagen, die halbe Kaution und meine erste Miete drauf. Den Rest des Monats muss ich mit einem einzelnen Toastbrot überbrücken, bin aber sehr glücklich.

April
Das Wetter wird schöner und menschliche Wesen trauen sich aus ihren Häusern und sogar in meine Nähe. Man beschnuppert sich, findet sich ganz nett und freundet sich irgendwie an.
Mit meiner neuen, unglaublich arroganten und unfreundlichen Zahnärztin werden die letzten Ruinen meines Fahrradunfalls aus meinem Mund entfernt und all meine Beißerchen erstrahlen wie eh und je vor dem Unfall. Ein weiteres abgeschlossenes Friedberger Kapitel.
Im Job läuft es gut. Irgendwie kriege ich doch alles alleine auf die Reihe und meine Eltern hören auf, mich zurück nach Lüdenscheid holen zu wollen und spendieren mir neue Möbel. Als Dank bekommen sie neben dem Platz in meiner Brust auch einen repräsentativen Platz an der Wand.

Mai
Der Sommer steht vor der Tür, die Nächte sind warm und wie dafür gemacht mit dem Bro am Main zu sitzen und Bier zu trinken. In der Lieblingskneipe kennt man meine Bestellung und auch sonst habe ich mich sehr gut eingelebt.

Juni
Durch einen Aufruf bei Twitter, wer mit mir ins Museum* möchte, lerne ich Willi kennen. Willi mag Kuchen, ich mag backen. Wir verstehen uns. Willi soll von nun an mein neuer Kuchenabnehmer sein.
Oma feiert ihren 70. Geburtstag und ich unterhalte meine Follower mit Anekdoten aus der Kleinstadt, was meine Mutter dazu veranlasst, mich von nun an „Hast du schon wieder das Handy in der Hand?!“ zu nennen.
(*in hübscher Atmosphäre Wein trinken)

Juli
Ich stelle fest, dass man weniger mit den nackten Beinen am schwedischen Markus kleben bleibt wenn man sich ein Handtuch unterlegt. Meine Kollegen haben von nun an an jedem heißen Tag etwas zu lachen. Markus ist übrigens mein Bürostuhl.
Außerdem stelle ich fest, dass es auch Büromenschen gibt, mit denen man sogar nach Feierabend viel Zeit verbringen kann und dass dies sogar recht schön ist.

August
Ich trage meine Augenringe mittlerweile wie ein modisches Accessoire. Manchmal schon Dienstags. Zumindest nach einer durchmachten Montagnacht. Wüssten meine Eltern davon, mein Kinderzimmer wäre im Handumdrehen wieder ordentlich eingerichtet.
Das Midsummer Open-Air und die damit verbundene Zeitreise in meine Vergangenheit stehen an. Die beste Freundin im Schlepptau, wird die Kleinstadt unsicher gemacht und man lästert noch Monate später über uns.
Zurück in Frankfurt verbringt man einen langen Abend auf einer Picknickdecke unterm Sternenhimmel. Jeder sollte mal mehr lange Abende auf Picknickdecken unterm Sternenhimmel verbringen!

September
Ich habe meine Probezeit erfolgreich überstanden und bin von nun an vollwertiger Teil der arbeitenden Bevölkerung. Solange man sein innereres Kind weiterhin jeden Morgen in den Kindergarten schickt, ist das sogar gar nicht mal so schlimm.
Mutter feiert Geburtstag und ich bin mal wieder in Lüdenscheid. In der Dorfdisko merke ich, dass mich nichts hierher zurück zieht und ich denke ein weiteres Mal in diesem Jahr, dass ich so ziemlich alles richtig gemacht habe (zumindest alles, was es richtig zu machen gilt).

Oktober
Ich verbringe den ersten Urlaub des Jahres in Liverpool und lerne, dass auch englisches Bier schmecken kann solange man nur genug davon trinkt. Außerdem stelle ich fest, dass ich doch kein so unkomplizierter Gast bin, wie ich gedacht habe und dass in anderen Ländern wirklich andere Sitten herrschen.

November
Ich beginne mich an den Grund der durchmachten Nacht im August zu gewöhnen und merke, dass menschliche Nähe nichts Gefährliches ist. Auf diesen Schock hin müssen erstmal gefühlte 18 Bleche Brownies gebacken und mit Willi vermampft werden.
Im Job legt man einen ein-Jahres- und sogar einen drei-Jahres-Plan für mich fest. Man zeigt sich optimistisch, dass ich eines Tages in drei Jahren Aufgaben nicht nur vor mir her, sondern anderen Leuten zuschieben kann. Führungsposition Ahoi!

Dezember
Nach langer Zeit bezeichnet man mich mal wieder als Freundin und ich habe kein Problem damit, meine Bettdecke zu teilen obwohl ich sonst ein ziemlicher Bettdeckennazi bin. Sogar mein Essen teile ich. Vielleicht bin ich kaputt oder so, meine Eltern sagen jedoch, ich sähe prächtig aus.
Ich werde 25 und feier allein mit der Familie. Mama und Papa bleiben bis kurz nach Mitternacht wach, Geschenke gibt es aber erst am nächsten Morgen. Dies soll der beste und unstressigste Geburtstag sein, den ich in den letzten Jahren hatte.
Weihnachten tischt Oma viel zu viel gutes Essen auf und zwischen den Mahlzeiten bleibt keine Zeit, hungrig zu werden. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich jemals wieder hungrig sein kann.
Ich bekomme ein technisches Schnickschnackspielzeug geschenkt und Familienfotos werden von nun an nur noch mit dämlichen Gesichtern vor der Frontkamera gemacht.

2012 ist tot. Hoch lebe 2013!
Cheers.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Herself!

2 Antworten zu “Jahresrückdings.

  1. So schön geschrieben. Ich habe herzlich gelacht!

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