Es geht Heim. Teil 5.

Es ist mal wieder so weit, die Heimat ruft. Eigentlich flüstert sie eher. Möchte es kaum aussprechen, dass Weihnachten vor der Tür steht und seine sozialen Zwänge mitbringt.

Weihnachten, dieses „wir sind alle wieder in der Stadt und MÜSSEN uns sehen“ Fest, das traditionell und ach, wie passend mit der „Alle wieder da“ Party der Dorfdisko eingeläutet wird. Alle wieder da, alle in der überfüllten Dorfdisko, alle übervoll, alle auf die Playlist abgehend, zu der man schon vor sechs Jahren tanzte und alle in der „oooooooooooh, dich hab ich ja MILLIONEN Jahre nicht gesehen!!!!!!!!!!“ Stimmung.
Mehrmals am Abend dann die Killerfrage: „Was machst du jetzt so?!“ und man muss auspacken, die Karten auf den Tisch legen: Wohnort, Studium / Job, Beziehungsdingsbums.

Nun heißt es, sich gegenseitig zu übertreffen. Das, meine Herrschaften, sind Kleinstadtwerte. Das sind die Kennzahlen, die wirklich interessieren!
Je größer und hipper der Wohnort, desto besser (besonders für diejenigen, die die Kleinstadt nie verlassen haben und Fancy Shit bei Starbucks kaufen).
Beim Studium ist man tolerant, hier werden Lehramtsstudenten zwar belächelt aber akzeptiert, BWLer werden voller Ehrfurcht angestarrt und mit einem Auslandssemester ist man sowieso der Kleinstadtheld. Bei den Jobs zählt, wie auch beim Wohnort: Je cooler dein Titel, desto cooler bist du.
Der wirklich schmale Grat ist das Beziehungsdingsbums. Im Falle eines existenten Beziehungsstatus müssen die Fakten natürlich auch auf den Tisch. Dauer, Alter der anderen Person, wo und wie kennengelernt, Anzahl der gemeinsamen IKEA-Besuche und All-In Urlaube. Singles werden an diesem Punkt mit großen mitleidigen Augen angeschaut, man klopft ihnen auf die Schulter und sagt „Ach, du findest auch schon wen!“.
Nach dem gegenseitigen „Mein Leben ist viel geiler als Deins“ tritt meist jemand ins Blickfeld, den man schon MILLIONEN Jahre nicht gesehen hat und dessen Leben direkt an die Kleinstadtwerte-Messlatte angelegt werden muss. Man verabschiedet sich schnell voneinander, fragt andere Leute aus und kurz drauf wird mit den wirklichen Freunden zusammen eine Klo-Konferenz einzuberufen und darüber hergezogen, was denn nun aus XY geworden ist.

Meine „Alle wieder da“ Party ist die „Ich bin wieder da“ Party und ich feiere sie mit meinen Eltern und einem öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm. Sie endet um 23:00 Uhr.
Meinen Eltern muss ich nämlich nicht erzählen, was aus mir geworden ist, meinen Eltern ist es egal, dass ich nicht jede Party in der Großstadt mitmache und meine Eltern wissen, dass wir das letzte Mal gemeinsam bei IKEA waren.

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