Privat.

Ich war heute in einem Museum. Das tue ich hin und wieder, in Museen gehen. Solange die Ausstellungen mich irgendwie interessieren (warum auch sonst..?). Auf jeden Fall war ich heute in einer Ausstellung, die sich Privat nennt. Es sollte halt Privates gezeigt werden. In Zeiten von Facebookstalking und Trash-TV, wo man minütlich mit Privatem bombadiert wird, also eigentlich ziemlich cool.

Privat, ja. Privat fing ziemlich viel versprechend an – mit fremden Tagebüchern und Fotoalben von irgendwo aus der Vergangenheit. Fremde Tagebücher sind jetzt nicht so meins, Fotoalben dafür umso mehr. Nicht umsonst habe ich ewig viele Fotos aus den Alben meiner lieben Oma und meiner Eltern gestohlen und an meine Wand gebatscht… Der Rest der Ausstellung war ziemlich viel nackte Haut, Sex, Nahaufnahmen (NAHaufnahmen) einer Geburt (ja, mit allem drum und dran und besonders mit dem drum und dran „dort unten“) und Penisse.
Ja, sowas ist privat aber okay. Kaum etwas, das man nicht schon mit zwölf Jahren in der Bravo oder irgendwann mal in irgendwelchen eingängigen Blättchen oder Filmchen sah. Ich meine, in unserer eh schon sehr versexten Gesellschaft ist das ja wirklich nichts Besonderes, oder? Besonders das große Finale im Pornoraum (drölfionen kleine Pornoschnipsel und sehr viele Penisse) war jetzt nichts, was mich wirklich schockieren konnte…

Also, die große Frage, was wenn nicht das Intimste, also Sex, ist noch so privat, dass man es am Liebsten verstecken würde? Oder man zumindest etwas beschämt schauen würde falls es jemand mitbekommt.
Mir, als einer Person die schon mit One-Night-Stands gemeinsam mit ihren Eltern an deren Frühstückstisch saß, im Besitz eines Twitter-Accounts und Instadings ist und sowieso eigentlich schon sehr viel, teils auch Privates, mit anderen und besonders auch fremden Menschen teilt, fallen da natürlich trotzdem ganz kleine, unscheinbare Dinge ein.

Ich möchte zum Beispiel niemals, dass mich jemand dabei beobachtet, wie ich in Rekordzeit fünfhundert Milliliter Ben & Jerry’s in in mich hineinstopfe.
Ich teile Konzerte meiner Lieblingsbands nur mit ganz bestimmten Personen und die Lieder, die mir viel bedeuten kennt höchstens Herzmenschin1.
Ich finde es unangenehm, beim Zähneputzen beobachtet werden und ich meine, mich muss man auch nicht zwingend kurz nach dem Aufstehen sehen und mitbekommen.
Ich mag es nicht wenn meine Eltern mich betrunken erleben, genauso wenig wie ich es nicht cool finde, meine Eltern angeschwipst oder gar betrunken zu sehen.
Ich finde es nach wie vor, trotz einiger Erfahrung auf dem Gebiet komisch wenn ich vor anderen koche oder backe, was halt auch meistens Dinge sind, die ich normalerweise für mich tue. Die WG putze ich nur wenn keiner da ist und durch mein Zimmer tanze ich auch nur wenn die Vorhänge geschlossen sind und die Menschen von gegenüber (die wahrscheinlich schon einen viel zu detaillierten Eindruck von mir haben) mich garantiert nicht sehen können.
Ein anderer Punkt sind die Momente, wo man mit fiesen Dingen zu tun hat. Trauer, Herzschmerz und all sowas. Die braucht wirklich keiner zu sehen, diese schwachen Momente.
Liebe Schirn, wo waren diese Dinge? Die alltäglichen Banalitäten? Sorry, aber ein Bett mit Kippenschachteln und leeren Wodkaflaschen ist jetzt nicht so intim wie Zahnseide. Oder bin ich da nur komisch?

Wie auch immer, ich wippe noch etwas im Schlafanzug zu guter Musik vor meinem Laptop rum und hoffe, dass die Menschen gegenüber irgendwas Spannendes im Fernsehen und nicht aus dem Fenster schauen. Das wäre mir nämlich auch echt unangenehm.


Übrigens gibt es ein Bild von Richard Billingham (Dank an Tine Nowak für den Hinweis) in dieser Ausstellung, in dessen Nachahmung mich auch bitte niemand jemals je beobachten möge. Ich hatte es mit „Ich habe die berühmte Deine Mutter“ gefunden tituliert und siehe da, laut Schirn-Magazin ist es wirklich seine Mutter…

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Herself!

3 Antworten zu “Privat.

  1. Richard Billingham. In der englischen Wikipedia gibt es auch einen Artikel zu ihm. Hat seine eigene „White Trash“-Familie dokumentiert.

  2. Pingback: Privat. Das Ende der Intimität. › OKAYFRANKFURT

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