Zu tief drin.

Herzmenschin2 hat jetzt einen Jungen. Oder so. Eigentlich eher „oder so“ weil nichts definiert ist, wie sie sagt. Was sie ziemlich verrückt macht, wie sie sagt. Anstatt mit ihm Klartext zu reden, bekomme ich also alles ab. Herzmenschin2 hatte ewig Niemanden und ist froh, nun dieses „oder so“ zu haben.

Sie definiert ihr „oder so“ als Irgendetwas, nichts Volles und nichts Halbes. Rumhängen mit gelegentlichem Knutschen und noch gelegentlicheren Übernachtungen. Sie definiert es als etwas, das sie gerne voll und ganz haben möchte und trotzdem irgendwie auch doch nicht. Sie mag ihren Jungen ziemlich gern. Meistens. Meistens nicht wenn er gerade mit einem seiner anderen „oder so“ Mädchen unterwegs ist. Dann definiert sie ihn als Rumtreiber und die Mädchen als blöde Platschkühe. Hin und wieder gehen sie gemeinsam weg, pumpen sich mit chemischen Substanzen zu und sie findet alles wundervoll. Bis eine dieser Platschkühe auftaucht und ihre wundervollen Wunschvorstellungen in Grund und Boden stampft.
Herzmenschin2 spricht ihn nicht darauf an, sie verschwindet einfach. Sie spricht ihn nicht darauf an, dass er ihr in diesen Momenten gefühlt die Eingeweide herausreißt, diese in einen Rahmen hängt und sie sich mit den Platschkühen gemeinsam anschaut und es ihnen scheinbar ziemlich Spaß macht wenn sie deshalb aus der Haut fährt. Herzmenschin2 bleibt ganz ruhig, geht heim und legt sich allein in ihr viel zu großes Bett, das einige Tage zuvor noch zu klein war weil der Junge neben ihr lag.
Herzmenschin2 weiß genau, wann er mit einer der anderen unterwegs ist. Sie sagt, sie fühle es irgendwie. Irgendwo in der Magengegend. An diesen Tagen hat sie noch weniger Hunger als sonst schon.
Auf die Frage, warum sie ihn nicht mal darauf anspricht, wie er dieses „oder so“ definieren würde antwortet sie, dass sie nicht möchte, dass er sieht, wie tief sie schon drin hängt. Und dass sie sich selbst auch nicht eingestehen möchte, wie tief sie schon drin hängt. Das weiß sie nämlich nicht genau. So erreichen mich Nachts all die Nachrichten, dass er wieder mit einer der Platschkühe vor ihren Augen rummacht, ihr jedoch dabei in die Augen schaut und ihre herausgerissenen Eingeweide auslacht. Er möchte sich eben nicht festlegen, sagt sie. Er möchte nicht erwachsen sein, auch wenn es nur für kurze Zeit ist. Er tut ihr nicht gut, das sagt sie auch. Er tut ihr gut, das hat sich trotzdem erkannt. Sie kann nicht mit und nicht ohne ihn.
Herzmenschin2 gewöhnt sich schnell an Dinge. Sie gewöhnt sich schnell an Tagesabläufe, an U-Bahn Wege, an fremdes Essen. Sie gewöhnt sich jedoch auch schnell daran, in einem Arm einzuschlafen, Komplimente zu bekommen und menschliche Wärme zu spüren. Herzmenschin2 sagt, genau das sei ihr Problem, dieses an Etwas gewöhnen. Das sei das Problem, was ihr letztendlich alles herausreißt.
Herzmenschin2 ist ein kluges Mädchen. Bezaubernd und auch lustig. Mit ihr kann man stundenlang heißen Kakao trinken und Entenfamilien beim Brotbetteln zuschauen. In dieser Geschichte ist Herzmenschin2 nicht ganz so klug. Sie selbst nennt sich seit dem „oder so“ ein ziemlich dummes Mädchen. Allerdings auch nur dann, wenn es in ihrer Magengegend anschlägt oder sie an ihn denkt. In diesen Momenten versteckt sie ihre Bezauberndheit unter ihrer viel zu großen Bettdecke in ihrem viel zu großen Bett und mag noch nicht einmal Schokolade. In diesen Momenten bricht ihre kleine Wunschwelt zusammen und sie stellt fest, dass sie tiefer drin steckt als sie sich vormacht. In diesen Momenten bringen aufheiternde Worte nichts, heißer Kakao oder Entenfamilien auch nicht. In diesen Momenten möchte sie sich einfach nur einreden, wie dumm sie ist. Dann lacht sie meist kurz um im gleichen Moment in Tränen auszubrechen. Eigentlich ist sie nämlich auch ein recht starkes Mädchen. Eins von denen, die eine Wendeltreppe herunterfallen und nicht weinen müssen, sondern aufstehen und fragen ob der Lippenstift verschmiert sei.
Eigentlich ist Herzmenschin2 auch noch nicht so tief drin. Eigentlich ist es ja Nichts, das „oder so“. Eigentlich möchte sie gerne etwas daraus machen und traut sich nicht zu reden.
Eigentlich wäre es so einfach, sagt sie. Platschkühe oder sie, eine Entscheidung. Er möchte keine Entscheidung treffen, das weiß sie. Sie möchte nicht, dass die Entscheidung gegen sie ausfällt. Also weiter mit einem „oder so“. Mit irgendeiner Lösung, die sie nicht glücklich macht oder zumindest nur kurzzeitig. Weiter mit irgendeinem halbgaren Dingen, das wie warmer Pizzaboden mit kalter Tomatensoße schmeckt. Es schmeckt nicht gut, aber man kann es essen und das sei die Hauptsache, sagt sie.
Herzmenschin2 ist ein kluges Mädchen. Sie ist sich zu gut für ein „oder so“. Sie steckt blöderweise zu tief drin.

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