Es geht Heim. Teil4.

Eigentlich eher Es ging Heim aber man will ja nicht kleinlich sein.
Es ging also mal wieder nach Lüdenscheid, zu den Eltern, der Oma, der Tante und den alten Freunden, von denen weniger als eine Handvoll übrig sind. Es war das erste Mal, dass ich mich seit meinem Auszug vor einem Jahr so richtig auf Lüdenscheid gefreut habe. Nein, eigentlich habe ich mich nicht auf Lüdenscheid gefreut, sondern auf die Eltern, die Oma, die Tante und die weniger als eine Handvoll Freunde. Die Arbeit, mein Leben und sogar Frankfurt wuchsen mir etwas über den Kopf. In diesen Momenten passt es ja ganz gut, sich mal fünf Tage zu nehmen und in sein anderes Leben zurück zu kehren.
Fünf Tage Zeitreise. Fünf Tage wieder Papas kleines Mädchen sein. Fünf Tage lang von Mama um 9:00 Uhr geweckt werden, während der Frühstückstisch schon gedeckt ist. Fünf Tage den Kopf frei bekommen und alles, was mit den Wochen davor zu tun hat, an der Stadtgrenze hinter sich zu lassen. Fünf Tage wieder dort sein, wo man aufwuchs, wo man alles kennt, wo man sich mittlerweile entfremdet hat, es aber trotzdem noch Zuhause nennt.

Lüdenscheid. Lüdenscheid heißt Familie. Das sagte ich bereits. Es heißt, der Familie erzählen, was seit dem letzten Wiedersehen so passiert ist. Es heißt, viele Teile auszulassen und auf Nachfragen hin auszuweichen. Weil man seine beiden Leben nicht mischen möchte. Weil man nicht mit Allem rausrücken möchte, weil man selbst ganz gut zurecht kommt.
Lüdenscheid. Das heißt auch, alte Freunde wiederzusehen. Alte Freunde, mit denen man zwar nach wie vor in Kontakt steht, die allerdings ihr Leben leben und man selbst sein Eigenes. Freunde, die sagen, sie hätten geschmunzelt als sie vor einer Woche die Nachricht gelesen hatten, man sitze um 14:31 Uhr bereits betrunken auf einem Straßenfest. Sowas gibt es in Lüdenscheid nicht. Alte Freunde, die einen fragen, was in der letzten Zeit so alles passiert sei, was sie allerdings nicht wirklich interessiert weil es in diesen Momenten wichtiger ist, die gemeinsamen Stunden gemeinsam und in gemeinsamen Erinnerungen zu verbringen. So kam wieder einmal die Nacht, in der man sich kennen lernte auf den Tisch. Man lachte gemeinsam darüber, man schweifte ab in die Zeit als man sich spontan auf Eisbecher und Gespräche traf. Das ist Lüdenscheid. Es ist Vergangenheit, allerdings auch eine Vergangenheit, in die man gerne zurückkehrt.
Lüdenscheid sind aber nicht nur die Menschen, die man mag. Es sind auch die, die man von Klein auf kennt, die einem mit einer gewissen räumlichen und zeitlichen Distanz allerdings so fremd sind, dass man sich in Smalltalk verflüchtigt.
So beispielsweise Alex. Alex habe ich mit 13 kennengelernt. Er war in der Klasse meiner damals besten Freundin. Man sah sich spärlich, hatte jedoch irgendwie immer etwas zum Erzählen. Alex kam nie aus der Kleinstadt heraus. Am Donnerstag erzählte er mir stolz, er sei jetzt Chef vom Bingo in der Dorfdisko. Ich weiß nicht wirklich, ob es mich aggressiv gemacht hat oder ob mich die Stadt so verändert hat, auf jeden Fall habe ich ihn in diesem Moment arrogant und mitleidig belächelt. Alex schaute mich an diesem Abend nur noch mit einer eisigen Kälte in seinen Augen an. Genau durch ein solches Verhalten reduziert man seine Freunde- und Bekanntenzahl übrigens im Handumdrehen.

Freitag hieß es Familienfeier. Mit der Familie, den Freunden meiner Eltern und den Nachbarn, die ich auch alle mindestens seit meiner Einschulung kenne. Diese Feiern sind für die langjährigen Freunde meiner Eltern immer ein Grund, mit ihren Kindern anzugeben und mich dadurch klein da stehen zu lassen.
Anna hat jetzt eine Zusatzausbildung gemacht, damit verdient sie jetzt noch mehr Geld. Nina hat einen neuen Freund, der fährt sogar Audi! Und du, Sabrina? Sparst du immer noch am Monatsanfang Geld, damit du Ende des Monats was zu Fressen hast?!
Ja, eure Kinder sind ganz großartig. Ein Audi?! Kraahaass! Voll cool und so. Ich spare immer noch. Ich bin allerdings auch ziemlich glücklich damit, nicht in euer Weltbild zu passen. Danke der Nachfrage. Einige verständnislose Blicke des Angebervaters später sagte mir Nachbar Gerd (75), Glücklich sein, das ist viel mehr wert als ein Freund mit Audi und eine Zusatzausbildung. In diesen Momenten weiß ich, was ich an Zuhause habe.
Zuhause ist ein Ort, an dem man sich nicht rechtfertigen muss für das, was man da so mit sich anfängt. Es ist ein Ort, an dem man so genommen wird, wie man ist. Auch ungeschminkt auf dem Sofa vor schlechtem Wochenendprogramm im Fernsehen. Zuhause ist der Ort, an den man zurück kommen kann wenn man Abstand von sich braucht und den Kopf frei bekommen muss. Zuhause ist der Ort, an dem man sagen könnte Du, Mama. Ich habs verbockt. Man bekommt trotzdem seinen heißen Kakao und sein weichgekochtes Ei morgens um halb zehn.
Zuhause ist der Ort, auf den ich mich immer wieder freuen werde. Auch wenn ich das oftmals nicht so ausdrücken kann.

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